Andachtspost vom 18.04.2021

Liebes Mitglied unserer Kirchengemeinde!

Wieder sind die sonntäglichen Präsenzgottesdienste in unserer Kirchengemeinde ausgesetzt. Die Situation ist unübersichtlich wie kaum zuvor: Einerseits ist die nächtliche Ausgangssperre seit Dienstag aufgehoben, andererseits haben wir bei uns die höchsten Infektionswerte seit Beginn der Pandemie. Viele konnten schon geimpft werden, noch mehr erwarten weitere Impftermine. Viele Testzentren, auch in nächster Nähe, werden intensiv genutzt. Da ist viel Sorge, aber wir sind auch nicht ohne Hoffnung. Wie geht es weiter? Ich hoffe, wir können uns bald wieder sehen und auch miteinander „richtig“ Gottesdienst feiern – wenigstens im Freien, vor unserer Kirche.

Gern möchten wir aber auch jetzt für Sie da sein:

Pfarrerin Friederike Schuppener
Tel. 06441 4468578
Email: friederike.schuppener@ekir.de
Pfarrer Martin Reibis
Tel. 06441 89683 
Email: martin.reibis@ekir.de
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Am Wochenende möchte ich einen neuen Beitrag aufnehmen und hochladen.

Zum Wochenende hin können Sie bei der Kirche und unseren Gemeindehäusern in Aßlar und Klein-Altenstädten stets diese aktuelle Andachtspost finden.

In der Kirchenjahreszeit befinden wir uns noch in der nachösterlichen Freudenzeit. Im Frühling feiern wir die Auferstehung Jesu und das neue Leben. Der anstehende Sonntag ist der Sonntag Misericordias Domini. Es geht um das Erbarmen Gottes. Das Leitbild dieses Sonntags ist der gute Hirte.

Wohltuend wie eine Schafherde, friedlich auf unseren Dillwiesen grasend! In meiner Andacht schreibe ich Ihnen heute von einem andern, nicht so geläufigen Bild für Jesus Christus. In den römischen Katakomben und anderswo finden sich schon sehr früh Abbildungen von Jesus als Orpheus. Auch dieses Bild hat Christinnen und Christen seit frühester Zeit Hoffnung und Trost geschenkt. Es soll auch uns stärken.

Bleiben Sie gesund und zuversichtlich

Ihr/Euer Pfarrer Martin Reibis

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Orpheus, der aus der Unterwelt zurückkehrt

Liebe Leserin, lieber Leser, das ist Orpheus nach der Rückkehr aus dem Hades, eine Wandmalerei über einer Grabhöhle in einer Katakombe in Rom.

Man muss schon etwas genauer hinsehen, um auf diesem Bild etwas zu erkennen. Kein Wunder, denn es ist vor etwa 1.800 Jahren gemalt worden.

So gern würde ich einmal nach Rom fahren. Ich würde es nicht versäumen, mich auf den Weg in die Tiefe zu machen – in eine der frühen christlichen Katakomben. Dort haben römische Christen in den ersten Jahrhunderten ihre Verstorbenen in unterirdischen Grabkammern beigesetzt. Was war das für ein Leben und Glauben in der damaligen Zeit? Zu den ärmeren Menschen gehörten die Christen damals in Rom, und immer wieder waren sie wegen ihres Glaubens Verfolgungen ausgesetzt.

Vielleicht haben sie manchmal Zuflucht und Trost bei den Gräbern ihrer Angehörigen gesucht. Und wenn sie mit Kerzen durch die unterirdischen Gänge zu den Grabkammern gingen, dann war unmittelbar einleuchtend, was es heißt:

„Christus ist das Licht der Welt, das Licht der Auferstehung hat dem Tod die Macht genommen.“

Und als Ausdruck ihres Glaubens haben sie an die Wände Bilder gemalt – biblische Geschichten, Jesusbilder und Symbole für Christus, der den Tod besiegt hat.

Erste Zeugnisse christlicher Kunst: Den guten Hirten zum Beispiel oder wie hier: Jesus als Orpheus.

Beim Betrachten des Bildes bleibt mein Blick als Erstes an dem Instrument haften, das die Gestalt in der Hand hält. Es sieht ein bisschen aus wie eine Panflöte, es handelt sich aber um eine Lyra, eine Leier. Sie war das Instrument von Orpheus, dem Sänger aus der griechischen Sage. Sein Gesang – so erzählt die Sage – war von solcher Schönheit, dass ihm alle wie gebannt zuhörten. In seinen Liedern wurde für die Hörer lebendig, wovon er sang – von der Schönheit der Natur, von Liebe und Freundschaft. Selbst die Tiere waren davon so angezogen, dass sie Orpheus friedlich zuhören, so wie man es auf dem Bild sehen kann.

Doch eines Tages starb Eurydike, Orpheus‘ geliebte Frau, und sie musste – nach der Vorstellung der griechischen Sage – hinab in das Reich des Hades, in die Schattenwelt der Toten. Untröstlich machte sich Orpheus auf den Weg und kam an den Eingang der Unterwelt. Mit seinem Gesang rührte er sogar die Toten und König Hades an, und so durfte er Eurydike mit in das Leben nehmen. Doch als er gerade aus der Schattenwelt heraufstieg – so sehen wir Orpheus auf dem Bild – da drehte Eurydike sich noch einmal um, und so musste sie endgültig zurückkehren in das Reich des Todes.

Orpheus entsteigt dem Hades – dargestellt in einer christlichen Grabkammer.

Wie das zusammenpassen kann, dafür gibt es nur eine Erklärung:

Die frühen Christen sahen in Orpheus ein Bild für Christus. Christus, der mehr ist als Orpheus. Jesus, der auch hinabgestiegen ist in das Reich des Todes. Orpheus geht in die Unterwelt, um seine geliebte Eurydike zu retten. Jesus nimmt den Tod auf sich, um aller Menschen willen: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab […].“ (Joh 3,16). Allen gilt die Liebe Gottes, und alle will Jesus retten aus der Macht des Todes.

Orpheus bleibt eine tragische Figur in seiner Liebe, denn letztlich kehrt er unverrichteter Dinge aus der Unterwelt zurück. Jesus dagegen hat die Macht des Todes besiegt: „Er hat zerstört der Höllen Pfort, die Seinen alle herausgeführt und uns erlöst vom ewgen Tod“, so erklang das Lied am Ostermorgen.

Orpheus, der begnadete Sänger, dem sogar die Tiere lauschen, entsteigt dem Reich des Todes. So haben die Christen in der Katakombe symbolisch dargestellt, was man direkt gar nicht malen könnte: Christus ist auferstanden. Er hat die Macht des Todes besiegt – er schenkt uns neues Leben. Durch das alte Bild hindurch scheint der Glaube an die Auferstehung und die Hoffnung auf ein wahres Leben in Christus.

Orpheus mit der Lyra in der Hand wird zum Bild für Christus, der eine ganz neue Melodie anstimmt, das neue Lied von der Auferstehung. So nimmt schon der Kirchenvater Clemens von Alexandrien das Bild vom Sänger Jesus auf und sagt: „Sieh, was das neue Lied vollbrachte: Menschen hat es aus Steinen, Menschen aus Tieren gemacht. Und die sonst wie tot waren und keinen Anteil am wahren Leben hatten, sie wurden wieder lebendig, sobald sie nur Hörer des Gesanges geworden waren.“

Bleibt uns nur, einzustimmen in das neue Lied, das Jesus angestimmt hat. Und das heißt ja, nicht nur zu singen. Es heißt, die neue Melodie im Alltag zum Klingen zu bringen, neu zu leben in der österlichen Freiheit und Jesus nachzufolgen. Es heißt, einzustimmen in den Osterjubel, wie wir das am Ostermorgen getan haben und immer tun werden: Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden!

Amen